Label Bundeswehr

Sie sind hier: Startseite > Transformation im 21. Jahrhundert > IV. Neuer Auftrag der Bundeswehr > Fähigkeiten und operatives Denken > Mit der US-Counterinsurgency-Doktrin Köpfe und Herzen gewinnen

Mit der US-Counterinsurgency-Doktrin Köpfe und Herzen gewinnen

Mit der Aufstandsbekämpfung rückt ein Thema in die sicherheitspolitische Debatte, das in Deutschland ursprünglich in einem ganz anderen Bedeutungskontext diskutiert wurde. Gemäß Artikel 87a Abs. 4 in Verbindung mit Artikel 91 Abs. 2 Grundgesetz können unter bestimmten Bedingungen die deutschen Streitkräfte zur „Bekämpfung organisierter und militärisch bewaffneter Aufständischer“ im Bundesgebiet herangezogen werden. Diese Option wurde 1968 in die Verfassung aufgenommen und war unter dem Reizbegriff Notstandsverfassung einer der damaligen Angriffspunkte in der studentischen Protestbewegung. (Ausgabe: 03/2009)

Bundeswehrsoldat verteilt Buntstifte an afghanische Kinder
Soldat der ISAF-Truppe verteilt Buntstifte. (Quelle: IMZ Bw/Houben/Siegfried Houben)Größere Abbildung anzeigen

Ein Bürgerkrieg in Deutschland ist bis heute unvorstellbar geblieben. An Aufstände gegen internationale Truppen, die als militärisches Element zur Absicherung des Wiederaufbaus eines durch Krieg und Zerstörung am Boden liegenden Landes eingesetzt werden, dachten die Politiker und Militärplaner zunächst ebenfalls nicht.

In der richtungsweisenden „Agenda für den Frieden“ des UN-Generalsekretärs Boutros-Ghali von 1992 wurde die Phase nach Beendigung eines bewaffneten Konfliktes als Friedenskonsolidierung bezeichnet. Dieses Konzept hat einen geordneten Übergang in demokratische und zivile Verhältnisse zum Gegenstand.

Auch die US-Regierung war davon überzeugt, nach der raschen Zerschlagung der Baath-Armee von Saddam Hussein 2003 von den „befreiten“ Irakern mit offenen Armen empfangen zu werden. Der Irak sollte gemäß den Vorstellungen des damaligen US-Präsidenten George W. Bush und seiner Berater zum Leuchtturmprojekt für Frieden und Demokratie im Greater Middle East werden.

nach oben

Wende im Kampf gegen die Aufständischen

Umso überraschender und folgenschwerer musste die blutige Entwicklung tagtäglich in dem Zweistromland von den Soldaten der Interventionstruppen und in der Bevölkerung erlebt werden. Mit Hilfe eines Vordenkers wie General David Petraeus kam es 2007 nach einem längeren Lernprozess endlich zu einem Strategiewechsel.

Das neue Konzept Winning Hearts and Minds leitete letztendlich die Wende im Kampf gegen die Aufständischen ein, in dem konsequent die Bedürfnisse der Zivilbevölkerung in die militärischen Planungen einbezogen wurden. Die Opferzahlen nahmen 2008 schlagartig ab.

Allerdings hat sich offensichtlich die Problematik nach Afghanistan verschoben. Dorthin wichen die Terrorbanden der Al-Qaida aus, um den wieder erstarkten Taliban bei ihrem blutigen Handwerk zur Seite zu stehen. Auch die NATO-Truppen werden sich nun in der Aufstandsbekämpfung zu bewähren haben. Allerdings blieb die im Norden stationierte Bundeswehr davon weitgehend verschont.

Aktuelle Umfrageergebnisse belegen, dass sich die Stimmung in der afghanischen Bevölkerung verschlechtert hat. Deshalb gilt auch für das zentralasiatische Land, die Herzen und Köpfe der Bürger zu gewinnen. Stephanie Wilson erläutert die US-Doktrin, die auch für die Offizierausbildung in der Bundeswehr von Interesse ist.

nach oben

Zusammenfassung

Die Doktrin FM 3-24 Counterinsurgency kann als die radikalste Militärdoktrin der Gegenwart angesehen werden. Sie stellt viele traditionelle Paradigmen der US-Kriegsführung auf den Kopf. Das Field Manual liefert gleichwohl auch eine praxisorientierte und detaillierte Handlungsanweisung. In ihm manifestiert sich das Konzept von US-General David Petraeus, wonach der Sicherheit und dem Wohlstand der Zivilbevölkerung im Einsatzland die höchste Priorität einzuräumen ist.

Erfolg hat die Konfliktpartei, die die Probleme der Bevölkerung am besten lösen kann. Die Besatzungstruppen müssen bereit sein, die Risiken mit den Bürgern zu teilen und wo immer möglich, auf letale Gewalt zu verzichten. Die Aufstandsbekämpfung ist in ressortgemeinsame Gesamtoperationen zu integrieren.

nach oben

Autor

Dr. Stephanie Wilson, Jahrgang 1973, war als Dozentin an der Militärakademie Sandhurst, Großbritannien, tätig und forschte anschließend an der Harvard Universität, USA.

Im Zuge ihrer Arbeit dort nahm sie an einem in dieser Form wohl beispiellosen Workshop teil, in dem General David Petraeus den ersten Entwurf des Field Manuals vorstellte und dezidiert die eingeladenen Akademiker, Menschenrechtler und Anwälte um Kritik und Vorschläge bat.

Dr. Wilson ist heute als Dezernentin Politik im Dezernat Zukunftsanalyse am Zentrum für Transformation der Bundeswehr in Strausberg tätig. Ihre Schwerpunkte sind irreguläre und asymmetrische Kriege, deutsche und amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Theorien der Internationalen Beziehungen.

nach oben


Stand vom: 14.06.2010 | Autor: Hans-Joachim Reeb

http://www.readersipo.de/portal/a/sipo/transformation/4-neuer-auftrag-bw/faeigkeiten-operatives-denken%3Fyw_contentURL=%2F01DB131300000001%2FW27UUB6G987INFODE%2Fcontent.jsp