Misstrauisches Vertrauen?
Welche Rolle sollte die Bundesrepublik Deutschlands in der europäischen und internationalen Sicherheitspolitik spielen? Welche Rolle kann sie spielen? Der Rahmen, innerhalb dessen nationale Entscheidungsträger sowohl außenpolitische Interessen und Ziele formulieren, als auch Strategien und Instrumente zu deren Verwirklichung bestimmen, wird durch das gesellschaftlich spezifische außenpolitische Rollenkonzept eines Staates bestimmt. (Ausgabe: 10/2008)

Dem Politikwissenschaftler Hanns W. Maull folgend, umfasst das außenpolitische Rollenkonzept eines Staates zwei Komponenten: Zum einen den ego-part, das heißt Weltbilder, Werte und Normen, denen sich die nationalen Entscheidungsträger selbst verpflichtet fühlen, zum anderen den alter-part, das heißt die Erwartungen der Außenwelt hinsichtlich eines angemessenen Verhaltens in den internationalen Beziehungen. Veränderungen im außenpolitischen Rollenverhalten eines Staates können sich sowohl durch Veränderungen innerhalb des ego-parts als auch des alter-parts seines außenpolitischen Rollenkonzeptes ergeben.
Noch immer prägend für das Selbstverständnis der außenpolitischen Rollenträger Deutschlands ist die historisch geprägte Kultur der Zurückhaltung, die sich in der Einbindung in internationale Institutionen wie der EU, der NATO und den UN niederschlägt, einer engen Abstimmung mit den euroatlantischen Verbündeten sowie der Präferenz von diplomatischen Mitteln in der Außenpolitik, die die Anwendung militärischer Gewalt nicht ausschließt, gleichwohl als ultima ratio betrachtet. Verändert haben sich allerdings im Laufe der 1990-er Jahre die Fremderwartungen, mit denen sich die deutschen Entscheidungsträger konfrontiert sahen. So haben die euroatlantischen Verbündeten diesseits und jenseits des Atlantiks berechtigterweise eine Abkehr von der traditionellen Scheckbuchdiplomatie zugunsten einer steigenden Beteiligung Deutschlands am internationalen Krisenmanagement eingefordert.
Gravierende Auswirkungen haben die Veränderungen im alter-part des außenpolitischen Rollenkonzeptes Deutschlands insbesondere auf die Bundeswehr, die sich seither mit dem anspruchsvollen Transformationsprozess von der Verteidigungsarmee zum internationalen Krisenmanager konfrontiert sieht. Während die gegenwärtige Diskussion vornehmlich um den Modernisierungsbedarf der Bundeswehr kreist oder sich an den Kollisionen von Haushaltszwängen und Erfordernissen eines Mandats entzündet, fristen die Trägerinnen und Träger dieses komplexen Transformationsprozesses mitunter ein Schattendasein.
Indes erhält die Rollentransformation der Bundeswehr mit der Integration von Frauen eine neue Qualität. 15 200 Soldatinnen stehen derzeit im Dienst der Bundeswehr. Das sind dreimal so viele Frauen wie noch 2001. Damit liegt ihr Anteil in der Bundeswehr im NATO-Durchschnitt bei acht Prozent. Dabei soll es aber nicht bleiben, so Verteidigungsminister Franz Josef Jung. Geplant ist vielmehr eine Steigerung des Frauenanteils auf künftig 50 Prozent im Sanitäts- und 15 Prozent im Truppendienst.
Ist mit der quantitativen Integration von Frauen in die Bundeswehr auch eine qualitative Integration im Sinne einer sozialen, kulturellen, mentalen und psychologischen Integration einhergegangen? Inwiefern vermochten die Trägerinnen und Träger dieses Integrationsprozesses intra- und intergeschlechtlich Vertrauen zu entwickeln und damit eine unabdingbare Voraussetzung für die militärische Effektivität und Effizienz der Bundeswehr zu schaffen? Rede und Antwort steht Gerhard Kümmel.
Zusammenfassung
Die Entscheidung des Bundesministers der Verteidigung, die Bundeswehr ohne Einschränkungen für den Dienst von Frauen zu öffnen, wurde durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes erzwungen, in dem Tanja Kreil erstritten hatte, in Kampfeinheiten zu dienen. War seinerzeit diese Entscheidung noch eher zögerlich umgesetzt worden, stellt sich heute heraus, dass die Frauen zum einen wesentliche Positionen in den Streitkräften besetzen und nicht mehr aus der Personalstruktur wegzudenken wären und zum anderen sind die Frauen eine wichtige Zielgruppe der Nachwuchswerbung geworden. Der Trend wird noch dadurch verstärkt, dass der Frauenanteil in der Truppe gesteigert werden soll und dass dadurch die geringeren männlichen Bewerberzahlen kompensiert werden können.
Die Bundeswehr hat den Integrationsprozess der weiblichen Soldaten nachhaltig gefördert, unter anderem wurde zeitweise ein Gendertraining am Zentrum Innere Führung für Vorgesetzte und Ausbilder angeboten. Nach Untersuchungen des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr ist das Vertrauensverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Soldaten in der Bundeswehr noch optimierungsfähig, während das mangelnde Vertrauen männlicher Soldaten in die Leistungsfähigkeit ihrer KameradInnen weiter abzubauen ist.
Autoren
Cornelia Frank, M.A., Jahrgang 1975, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik der Universität Trier.
Dr. Gerhard Kümmel, Jahrgang 1964, ist Vorsitzender des Arbeitskreises Militär und Sozialwissenschaften (AMS) und arbeitet als Wissenschaftlicher Direktor am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr in Strausberg. Dort leitet er das Projekt „Die Integration von Frauen in die Bundeswehr“.

